Recherchieren, Unterlagen prüfen, Gerichtsentscheidungen an der richtigen Stelle zitieren, Schriftstücke vorbereiten: Vieles davon erledigen in einer Kanzlei die Konzipient:innen – junge Jurist:innen in Ausbildung. Genau diese Vorarbeit soll künftig ein KI-Computerprogramm aus St. Pölten leisten können. Entwickelt wird es von der NO.ONE Logic Systems GmbH, die der Jurist Philipp Marouschek im Sommer 2025 gegründet hat.
Der Anstoß kam aus der Praxis. „Mir ist früh aufgefallen, dass die gängigen KI-Programme massive Schwierigkeiten haben, sobald es um etwas so Genaues wie das österreichische Recht geht", sagt Marouschek. „Sie sind darauf trainiert, den Nutzern zu gefallen und immer eine Antwort zu liefern. Und wenn sie keine haben, erfinden sie eben eine."
Entscheidung und Kontrolle in menschlicher Hand
Marouschek und sein Team gingen deshalb einen anderen Weg. Ihr System arbeitet einen Fall in fest vorgegebenen Schritten aus der juristischen Praxis ab, ähnlich wie ein Mensch es tun würde. Jeder Schritt bleibt sichtbar und kann jederzeit korrigiert werden. Fehlen Angaben oder widersprechen sie einander, bricht das Programm ab und meldet die Lücke, statt sich eine Antwort zurechtzulegen.
Als Grundlage dienen im derzeit noch eingeschränkten Testbetrieb bereits mehr als 120.000 Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs und 36 Bundesgesetze. Sämtliche Daten liegen auf Servern innerhalb der EU. Die finale Prüfung und Freigabe der Ergebnisse werden immer von Menschen durchgeführt.
Dass hinter dem Ansatz echte Forschung steckt, hat inzwischen eine unabhängige Stelle bestätigt: Nach positiver Begutachtung durch Sachverständige der Forschungsförderungsgesellschaft FFG wurde dem Unternehmen für das Jahr 2025 eine Forschungsprämie in wesentlicher Höhe zuerkannt und auch bereits ausbezahlt. Bewertet wurde dabei unter anderem, wie neu die Technologie ist und wie hoch das Risiko war, dass der Ansatz überhaupt funktioniert.
Warum St. Pölten?
„Ein Büro in vergleichbarer Größe kostet uns in St. Pölten deutlich weniger als in Wien. Und dank der guten Verkehrsverbindungen sind wir bei Kund:innen in Wien nicht später als jemand, der innerhalb Wiens anreist. Außerdem sind Lebensqualität und Infrastruktur hier einfach hervorragend", so Philipp Marouschek, NO.ONE Logic Systems.
Derzeit wird die Software in einem geschlossenen Kreis von sorgfältig ausgewählten Anwendern getestet. Im Herbst 2026 soll die erste Beta-Version auf den Markt kommen – zunächst für das Zivilrecht, also etwa für Streitigkeiten rund um Verträge, Schadenersatz oder Nachbarschaft. Erweiterungen für den vollständigen österreichischen Rechtskorpus sind laufend in Arbeit.