Statements

Gulasch-Saft fürs Land

10. Juli 1986 — der niederösterreichische Landtag beschloss, St. Pölten zur Landeshauptstadt zu erheben. Wie war die Stimmung damals, vor 40 Jahren?

Erwin Pröll neben Landeshauptmann Siegfried Ludwig nach der Entscheidung zu Landeshauptstadt St. Pölten 1986. (Foto: Archiv)
Erwin Pröll neben Landeshauptmann Siegfried Ludwig nach der Entscheidung zu Landeshauptstadt St. Pölten 1986. (Foto: Archiv)

Erwin Pröll, langjähriger Landeshauptmann von Niederösterreich, war 1986 Stellvertreter von Landeshauptmann Siegfried Ludwig: „Als St. Pölten zur Landeshauptstadt erhoben wurde, war das mehr als eine politische Entscheidung – es war ein Bekenntnis zur Zukunft unseres Landes. Es war eine Vision – getragen von Mut, Zuversicht und der Überzeugung, dass Niederösterreich eine eigene politische Mitte braucht. Die Entscheidung war richtig. St. Pölten ist gewachsen – sichtbar im Stadtbild, spürbar im Selbstverständnis und wirksam für das ganze Land. Ganz wichtig auf diesem Weg war und ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land. Sie hat große Projekte möglich gemacht und sie wird auch in Zukunft der Schlüssel für eine positive Entwicklung sein.“

Heidemaria Onodi, Erwin Prölls SPÖ-Stellvertreterin Anfang der 2000er-Jahre, pflichtet bei: „Bei der Abstimmung gab es 96 Prozent Zustimmung für St. Pölten als Landeshauptstadt. Mit diesem klaren Ergebnis war für die verantwortlichen Politiker des Landes NÖ und der Stadt St. Pölten klar, dass nun viel Kraft und gute Zusammenarbeit für die Verwirklichung eingesetzt werden muss. Die SPÖ-NÖ stand diesem Projekt anfangs negativ gegenüber: zu teuer, Ausdünnung der Region. Anders Bürgermeister Willi Gruber. Er erkannte die historische Chance für St. Pölten. Der Bau des Landhauses und des Kulturbezirks schuf eine aufkeimende eigene Identität. Damit ging ein neues Selbstbewusstsein einher.

sk juli heidi onodi kaeferHeidemaria Onodi mit „Hauptstadt-Bürgermeister“ Willi Gruber. (Foto: Käfer)

Die Initiative für eine eigene niederösterreichische Landeshauptstadt kam von Landeshauptmann Siegfried Ludwig. „Der hatte damals mit heftigen politischen Angriffen zu kämpfen“, erinnert sich Medienmanager Hans Peter Schmidtbauer. „Die SPÖ sah das Ganze als Ablenkungsmanöver. Und die meisten in Wien wohnenden Spitzenbeamten wollten selbstverständlich dortbleiben. Aber Ludwig motivierte die Skeptiker in seiner Partei. Ich wurde Obmann des Landeshauptstadtkomitees — unter der Bedingung, dass die Parteipolitik ausgeklammert bliebe. Als parteifreier Verlagsleiter der NÖN war ich von der Jahrtausendchance begeistert. Insgesamt warb das Komitee mehr als 6.000 Menschen aus allen Landesteilen. Auf tausenden Schultaschen und Autos, auf Bahnhöfen und Parkbänken, in Restaurants und sogar auf Kirchentüren waren die Kleber "Ja zu St. Pölten" zu sehen. Und die Agentur Schretter & Rausch sorgte mit der genialen Werbe-Idee vom Gulasch ohne Saft landesweit für täglich steigendes Interesse. Bürgermeister Willi Gruber erklärte ich, dass es für die SPÖ eine Katastrophe wäre, sollte Krems gewinnen — was sich viele in der landesweiten ÖVP wünschten. Sollte hingegen St. Pölten als Abstimmungssieger hervorgehen... Willi Gruber lächelte. Die SP-Spitze tagte unmittelbar vor der Generalversammlung des Landeshauptstadtkomitees. Auf der Stiege kam mir Vizebürgermeister Amand Kysela entgegen. Mit erhobenen Armen schrie er: "Dokta. Se haum gwunna. Mia san dafia."

Ehrenzeichenverleihung SchmidtbauerHans Peter Schmidtbauer, ehemaliger Obmann des Landeshauptstadtkomitees, erhielt das Ehrenzeichen der Landeshauptstadt. (Foto: Josef Vorlaufer)

Das Komitee feierte nach der Entscheidung im Hotel-Gasthof Seeland, bei Christa Weißgärber: „In bester Stimmung wurde eine Plakette fürs „Landeshauptstadtzimmer“ auf Packpapier gezeichnet, Gottfried Huber hat das dann geschnitzt. Wir haben alle an die Hauptstadt und ihre Entwicklung geglaubt. Unmittelbar nach der Ernennung haben wir mit 22 Zimmern das Hotel erweitert.“

sk juli weissgaerberChrista Weißgärber mit Schwiegertochter Selina Sassmann vorm Landeshauptstadtstüberl. (Foto: Steiner)

Schnell gegangen ist es dann auch mit dem Bau des Regierungsviertels. Architekt Norbert Steiner wurde 1987 als Hauptstadtplaner und Vorstandsvorsitzender der NÖPLAN nach St. Pölten geholt: „Es herrschte eine unglaublich positive Stimmung, die uns die Arbeit sehr erleichtert hat. Und es war viel zu tun, weil es fast keine Vorgaben gab, nur die, dass der Landtag in zehn Jahren in die neue Hauptstadt übersiedeln will. Aus über 160 Arbeiten wurde das Projekt von Architekt Hoffmann ausgewählt, nicht protzig, aber auch nicht provinziell, mit Klangturm und Landtagsschiff als besondere architektonische Höhepunkte. Dann ging es dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit der Stadt für dieses damals größte Hochbauprojekt Österreichs rekordverdächtig schnell. 1997 übersiedelte der Landtag. Außerdem wurde mit etwa 300 Millionen Schilling unter Budget abgerechnet, was LH Pröll veranlasste, auch den Bau des NÖ Landesmuseums zu beauftragen. Es war Teil der Bemühungen, in einer vollwertigen Landeshauptstadt zentrale NÖ Kultur- und Sporteinrichtungen mit herausragender Architektur zu schaffen. Und die Stadt St. Pölten, die ein Journalist 1997 noch mit einer tüchtigen Hausfrau verglich, die sich aber nie Zeit fürs Make-up nimmt, ist inzwischen unbestritten zur First Lady Niederösterreichs herangewachsen."

sk juli Byli Steiner privatNorbert Steiner und Peter Bylica kommunizierten mit Freude die Pläne für die Hauptstadt. (Foto: Privat)

Peter Bylica war der Pressesprecher der NÖPLAN und damit für die Kommunikation beim Riesenprojekt verantwortlich: „Ein Schwerpunkt waren Informationsveranstaltungen über die Hauptstadt sowie erste Vorbereitungen zur Übersiedlung der Landesbediensteten. Dazu kam das riesige Interesse an der damals größten Baustelle Europas. Die NÖPLAN präsentierte das Hauptstadtprojekt auf der ganzen Welt. Dementsprechend vielfältig war die Betreuung von Besuchergruppen, darunter die Gardemusik der englischen Queen. Auf dem Bahnhof in Brüssel kam eines Tages ein Mann auf mich und meinen Koffer mit dem St. Pölten-Pickerl zu und meinte: „Aha, die neue Hauptstadt“. Er unterrichtete Deutsch an der Sorbonne in Paris mit Themenschwerpunk „Hauptstadtprojekt“.

Landesrätin Eva Prischl war 1986 im Tourismusbüro beschäftigt. „Die Stimmung schwankte zwischen Euphorie und Verunsicherung. Manche Menschen waren nicht sehr begeistert von der Idee einer wachsenden Stadt. Ich habe gespürt, dass etwas in der Luft liegt. Nicht die damals noch vorhandene Glanzstoff-Luft – sondern eine Erwartungshaltung im Hinblick auf mehr Lebendigkeit, mehr nationale und internationale Aufmerksamkeit, mehr Selbstvertrauen. St. Pölten wurde so gleichberechtigter Partner in der Tourismuslandschaft, die Nächtigungszahlen haben sich in den vergangenen 40 Jahren verfünffacht.“

sk juli eva prischl hauptstadtfestEva Prischl im Vorbereitungsteam fürs erste Hauptstadtfest am 11. Juli 1986. (Foto: Archiv)

×
Geänderte Parteienverkehrszeiten im Sommer
Bürgerservice

Geänderte Parteienverkehrszeiten im Sommer

Im Zeitraum vom 24. Juni bis 31. August 2026 gelten im gesamten Rathausbezirk geänderte Parteienverkehrszeiten. Die Öffnungszeiten sind täglich von 7.30 bis 12 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten sind Termine nur nach vorheriger Vereinbarung möglich. Bereits vereinbarte Termine bleiben unverändert aufrecht.