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Die DNA des Barockfestivals

Die Künstlerische Leiterin Caroline Berchotteau im Gespräch über die Besonderheiten des Barockfestivals St. Pölten. 2021 lautet das Motto: Believe in MAGIC.

Caroline Berchotteau. (Foto: Klaus Engelmayer)
Caroline Berchotteau veranstaltet seit 2010 jährlich das Barockfestival St. Pölten sowie das Jazz im Hof Festival St. Pölten. (Foto: Klaus Engelmayer)

Wie fühlt es sich an, nach einem kulturellen Schockzustand das erste Festival des Jahres in St. Pölten zu machen?

Caroline Berchotteau: Bei mir ist eine unglaubliche Energie frei geworden, nach Bekanntwerden der Lockerungen. Nachdem wir, also das Festival-Team und ich, wussten, wir dürfen wieder Konzerte mit und vor Live-Publikum veranstalten, war es, als wäre all die Magie unseres Festivalthemas freigesetzt worden und hätte zu wirken begonnen. Wir haben auf diesen Tag hingearbeitet, haben Best Case und Worst Case-Betrachtungen durchgespielt und versucht, die DNA des Festivals trotz Einschränkungen nicht zu verändern, Balance zu halten, den Mut und den Optimismus nicht zu verlieren und haben fest daran geglaubt, dass der 5. Juni als Eröffnungstag des Barockfestivals zustande kommen wird. Und wir hatten recht. War wohl doch ein Funken Magie im Spiel und vor allem sehr viel Planung.

Bleiben wir bei der Magie. Was ist denn das Besondere an dem Festival 2021?

Dass wir überhaupt spielen können und das Programm natürlich. Die Energie vom Publikum und die Nähe zu den Künstlern kann kein Streaming Konzert ersetzen. Ich habe nach der Absage 2020 allen Künstlerinnen und Künstlern das Versprechen gegeben, das Programm mit ihnen nachzuholen, sobald wir können. Das Festivalprogramm 2021 ist eine wunderbar gelungene und sorgfältig überlegte und ausgewählte Mischung. Dieses Jahr haben wir mit „Der Reigen“ eine große Tanz- und Puppenspiel Produktion mit Live-Musik in Kooperation mit Leipzig und Linz bei uns in der Stadt. Die Uraufführung von „Believe in Magic“, einer Jongliershow gepaart mit Cellomusik, macht mich besonders stolz. Der französische Jongliervirtuose Vincent de Lavenère hat die Show für das Barockfestival entwickelt und gemeinsam mit dem außergewöhnlichen Cellisten Fabrice Bihan zeigen sie neue Wege musikalisch-künstlerischer Kreationen.

Die Magie des Festivals zieht sich von der Bühne bis hin zur Kommunikation. Das Cover vom Festivalbooklet wird diesmal dank augmented reality und einer Handy-APP auf magische Weise zum Leben erweckt. Es wird ein Freudenfeuer für die Sinne. Und auch im Bereich der Sozialen Medien haben wir bewusst auf Bewegtbild gesetzt, um die Wartezeit bis zum Festivalbeginn mit Videos und Animationen zu verkürzen.

Was macht das Barockfestival St. Pölten so besonders und einzigartig?

Das Barockfestival St. Pölten ist ein Festival von internationalem Format. Die Künstlerinnen und Künstler, die bei uns spielen, sind weltberühmt und gleichzeitig wie eine Familie. Vincent de Lavenère und Fabrice Bihan reisen dieses Jahr früher an, bleiben ein paar Tage bei uns in der Stadt, für die Proben. Mit Michel Godard verbindet mich mittlerweile eine tiefe Freundschaft. Christoph Bochdanksy bringt seine Puppen wieder ins Spiel und mit „Supersonus“ erfülle ich mir selbst einen großen Herzenswunsch. Das Ensemble rund um Marco Ambrosini macht den Auftakt des Festivals. Oft schon haben sich im Rahmen des Barockfestivals neue Programme entwickelt, weil sich Künstler bei uns kennengelernt haben und Synergien entstanden sind. Zum Großteil zeigen wir Programme, die in Österreich zum ersten Mal aufgeführt werden. Auch CD-Aufnahmen sind immer wieder in St. Pölten entstanden, wie zum Beispiel „En el Amor“ oder „Risplendenti, Riversi“ von Michel Godard und Natasa Mirkovic. Das spricht für die hohe Qualität des Festivals.

Warum zeigt das Barockfestival St. Pölten mehr als Barockmusik?

Das werde ich oft gefragt und ich bin sehr froh über diese Frage. Wir denken Barockmusik einfach weiter. Denn auch die Künstlerinnen und Künstler selbst sind ganz oft nicht nur in der Welt der Barockmusik unterwegs und verbinden ihre Projekte mit zeitgenössischer Musik. Das Programm „Sing my Soul“ von Mathias Rüegg zeigt am besten, was ich damit meine. Er hat Kompositionen von Georg Friedrich Händel neu arrangiert und das Programm ordnet sich irgendwo zwischen Barock und Jazz ein. Lia Pale mit ihrer zauberhaften Stimme ist dabei die perfekte Ergänzung.

Nach welchen Gesichtspunkten programmieren Sie das Barockfestival?

Wir erfinden das Rad nicht neu, sondern zeigen auf der Bühne eben auch Weiterentwicklungen und Prozesse, denn genau das ist das Schöne in der Musik. Ich bin ein großer Fan von Prozessen. Wir holen die Musik ins Hier und Jetzt. Die Sprache des Barocks ist bildhaft und ausdrucksstark. Daher sind wir auch mit unserer Grafik bunt, laut, kräftig und auffällig. Die Epoche des Barocks deckt sowieso einen langen Zeitraum in der Musikgeschichte ab. Das lässt viel Spielraum. Ganz wichtig ist auch zu erwähnen, dass wir mit dem Programm auch neugierig machen und neues Publikum gewinnen wollen. Bei der Programmierung ist mir wichtig die Balance zu halten: einerseits immer aktuelle Projekte zu präsentieren, die das Publikum ansprechen, und andererseits spezielle Projekte auf die Bühne zu bringen, die sich zu Programmierungen anderer unterscheiden.

Was ist denn das besonders Schöne an Ihrer Arbeit als Künstlerische Leiterin?

Ein Festival macht sich nicht von alleine und schon gar nicht von mir alleine. Es ist etwas besonders Schönes mit Leuten zu arbeiten, die sich mit viel Herz für das Festival engagieren. Die menschliche Dimension spielt für mich eine große Rolle. Die Kontakte zu den Künstlerinnen und Künstlern habe ich über Jahre aufgebaut und schon nach St. Pölten mitgebracht, als ich vor elf Jahren in die Stadt gekommen bin. Ich liebe es, Programm mit Künstlerinnen und Künstlern zu entwickeln. Das Barockfestival St. Pölten ist Teil eines Kultur- und Festivalnetzwerkes, das von Deutschland, Tschechien bis nach Frankreich reicht. Ich stehe in regelmäßigen Kontakt mit den anderen Künstlerischen Leiterinnen und Leitern und reise viel, um mir Programme und Musikerinnen und Musiker bei anderen internationalen Festivals anzuhören. Dort vor Ort entstehen die Kontakte, nicht am Schreibtisch. Die Schreibtischarbeit kommt später, dann aber mit voller Kraft. Wenn ich Verträge aufsetzen, Reisen organisieren oder Gagen aushandeln muss.

Die Konzerte finden dieses Jahr fast ausschließlich in der ehemaligen Synagoge statt. Warum?

Die ehemalige Synagoge ist ein unglaublicher Kraftort. Ein geschichtsträchtiger, einzigartiger Raum mit Wahnsinnsakustik. Und wir können hier für Publikum und Künstlerinnen und Künstler in maximaler Sicherheit und unter Berücksichtigung aller COVID-Vorgaben arbeiten und spielen.

Was wünschen Sie sich für das Barockfestival St. Pölten in Zukunft?

Viel Publikum. Publikum, das neugierig und offen für Neues ist. Mir ist wichtig, dass wir keine Wohnzimmerkonzerte für Kennerinnen und Kenner machen, sondern ein möglichst breites Publikum mit unserem Programm ansprechen. Das Barockfestival St. Pölten ist ein Festival auf höchstem Niveau, dabei aber gleichzeitig nicht elitär. Deswegen ist und bleibt unser Programm auch bunt und vielfältig. Deshalb sind auch die Kartenpreise nie sehr hoch angesetzt, um den Einstieg – salopp formuliert – in die spannende, verführerische und magische Welt der Musik zu erleichtern.

Zur Person

Mag. Caroline Berchotteau hat Musikwissenschaften und Klavier in Paris studiert.
Nach beruflichen Stationen in Paris und Wien, programmiert und veranstaltet die ausgebildete Pianistin seit 2010 jährlich das Barockfestival St. Pölten sowie das Jazz im Hof Festival St. Pölten. Beide Veranstaltungen werden vom Magistrat St. Pölten, Fachabteilung Kultur und Bildung durchgeführt.

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