Festival „MUSICA SACRA“ wirkt verbindend

Das Festival Musica Sacra ist jedes Jahr aufs Neue verbindend: In den Konzerten rücken Epochen, Musikstile, Kontinente, Kulturen zusammen. Nach dem Eröffnungskonzert im Dom am vergangenen Wochenende, folgen noch vier weitere Konzerttermine.
Foto: Jiri Slama © Foto: Jiri Slama
Private Musicke spielen am 14. September in der Stiftskirche Herzogenburg.

Weitere Konzerte

Samstag, 14. September, 19.30 Uhr


Stiftskirche Herzogenburg
„From Silent Night“
Consort Songs & Music for Viols
Werke u. a. von William Byrd, Anthony Holborne, John Coperario und Thomas Ford

Private Musicke
Pierre Pitzl, Leitung
Martina Daxböck, Sopran
Anna Kargl, Mezzosopran

Auf eine besondere Weise antworteten die Menschen im England des 16./17. Jahrhunderts auf die politischen und religiösen Machtkämpfe der Oberen, denen sie hilflos ausgeliefert waren. Unterdrückt und in ständiger Angst vor Repressalien aller Art lebend, zogen sie sich zurück in ihr privates Umfeld und schufen eine musikalische Gegenbewegung, in der sie im geschützten Raum ihre eigenen Gefühle ungehindert artikulieren konnten: die Kammermusik im kleinen Kreis. Musiziert wurde auf Gambe, Laute und Cembalo, den leisen Instrumenten, mit Gesang, solo oder im Ensemble (Consort). Unzählige Kompositionen zeugen von dieser Entwicklung, deren Ausgangspunkt in John Dowlands Liedern und Lautenwerken, auch für Consort bearbeitet, zu sehen ist. Die Melancholie, die diese wunderbare ausdrucksvolle Musik verströmt, hat von ihrer Wirkung bis heute nichts verloren, wozu das sanfte, stille Klangbild der Instrumente seinen Beitrag leistet.

Sonntag, 15. September, 18 Uhr

Dom zu St. Pölten
„Songs of Exile – Lieder aus der Verbannung“
Nagash Ensemble, Armenien

Im 15. Jahrhundert verfasste der armenische Priester Mkrtich Naghash ergreifende Gedichte über das Leben der von Mongolen und Osmanen aus ihrem Land vertriebenen armenischen Christen im Exil und über ihre Beziehung zu Gott. Über fünf Jahrhunderte später entdeckte der amerikanisch-armenische Komponist John Hodian ein Textfragment und wusste: Er hatte das gefunden, wonach er jahrelang gesucht hatte. Die Texte erinnerten ihn an den Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich in den Jahren 1915/16 und an die Vertriebenen; die Jahrhunderte waren zusammengerückt ... Die armenische Sakralmusik vor Augen, schrieb Hodian Kompositionen, die diese Zeitlosigkeit dokumentieren – eine Musik, „von der man kaum sagen kann, ob sie alt oder neu klingt, fremd oder vertraut, westlich oder östlich, schlicht oder komplex, minimalistisch oder mittelalterlich“ (BR Klassik), – gespielt auf den traditionellen armenischen Instrumenten Duduk, Oud, Dhol, verwoben mit formalen Elementen von Klavier und Gesang. Weltmusik trifft auf moderne Klassik und die Energie des Jazz.

Sonntag, 22. September, 16 Uhr

Stiftskirche Lilienfeld
„Menschen, Engel und der siebte Himmel“
Gregorianische Gesänge aus der Notre-Dame-Schule

Choralschola der Wiener Hofburgkapelle
Daniel Mair, Leitung

Mit dem gregorianischen Choral, dem meditativen einstimmigen Gebetsgesang der Mönche, wurde der Grundstein für die gesamte abendländische Kunstmusik gelegt. Seinen Höhepunkt erlangte er in der Notre-Dame-Schule und der darauf folgenden Ars Antiqua: jenen Musikepochen des Mittelalters, in denen sich die Schlichtheit der liturgischen Gesänge mit höchster kompositorischer Komplexität paarte und, nach strengsten durch die Kirche vorgegebenen Regeln, sich die Mehrstimmigkeit zu entwickeln begann. Das Konzert widmet sich dem zentralen Thema aller Menschen: dem Tod, den wir alle erleben werden. Es ist eine Begegnung von Himmel und Erde, dargestellt in Visionen von dem strafenden Gott (dem Jüngsten Gericht), dem helfenden Gott, der durch seinen Engel das Kommen des Messias ankündigt, und dem Wirken Christi auf der Erde bis hin zu seiner Passion und Auferstehung, mit der er den Menschen den Weg ins Paradies, ins Licht weist.

Sonntag, 29. September, 18 Uhr

Dom zu St. Pölten
„Sounds of Africa“

Cape Town Opera Chorus
Marvin Kernelle, Leitung

In diesem außergewöhnlichen Programm rücken nicht nur Kontinente zusammen, sondern auch Jahrhunderte und Musikstile. Sakrale Kompositionen von Byrd, Palestrina, Duruflé und Pärt werden mit religiöser Musik der Xhosa, Venda, Zulu und Suaheli verwoben – ein Hörerlebnis der besonderen Art, wenn kulturelle Klangwelten aufeinandertreffen und in Einklang gebracht werden. Intuitiv empfinden wir, wie alles miteinander verbunden ist, ungeachtet der großen zeitlichen Abstände, der unterschiedlichen Kulturen, der Entfernung zwischen den Kontinenten. Es ist die Sehnsucht nach Transzendenz, ausgedrückt in Musik, die uns einen Einblick in das Göttliche und Jenseitige gewährt. So erkennen wir: Alles ist eins, alles ist gleichzeitig. Und wie die Religionen Gott auch immer benennen: Es gibt nur eine Spiritualität.

Die Abendkonzerte des Festivals entfalten ein breites musikalisches Spektrum quer durch die Jahrhunderte. Es umfasst mit gregorianischen Chorälen die Anfänge aufgezeichneter liturgischer Musik, instrumental aufgeführte englische Lieder des Frühbarock, Mendelssohns Oratorium „Elias“ nach einer Episode aus dem Alten Testament, neu in Musik gekleidete jahrhundertealte geistliche Texte aus Armenien und eine harmonische Verschmelzung aus mittelalterlichen und zeitgenössischen, „klassischen“ und populären sakralen Gesängen aus Europa und Afrika.

Die in den sonntäglichen Gottesdiensten erklingende Musik spannt den Bogen von Mozart über Chor- und Orgelwerke des 20. und 21. Jahrhunderts bis hin zu einer Festmesse des heute fast vergessenen österreichischen Komponisten Ernst Tittel († 1969).