Wissenschaftliche Enquete zum Bürgerkrieg

Am 12. Februar fand im großen Gerichtssaal des Landesgericht St. Pölten eine wissenschaftliche Enquete aus Anlass des Ausbruchs des Österreichischen Bürgerkriegs vor 85 Jahren statt.

Wissenschaftliche Enquete zum Bürgerkrieg © 2019 St. Pölten
Bürgermeister Mag. Matthias Stadler, Vize-Gerichtspräsidentin Dr.in Andrea Humer und Dr. Florian Wenninger. (Foto: Wolfgang Mayer)

Zu der Veranstaltung eingeladen hatte die Vize-Gerichtspräsidentin Dr.in Andrea Humer sowie der St. Pöltner Bürgermeister Mag. Matthias Stadler.

Weder Ort noch Zeitpunkt waren zufällig gewählt. Am 12. Februar 1934 also vor nunmehr 85. Jahren brach von Linz ausgehend der österreichische Bürgerkrieg aus, nach dessen blutiger Niederschlagung Bundeskanzler Dollfuß sein autoritäres Regierungssystem etablieren konnte, welches unter dem Namen „Austrofaschismus“ in die Geschichtsbücher einging. Am 16. Februar 1934 wurden in diesem Saal die beiden aus Rohrbach an der Gölsen stammenden Schutzbündler Johann Hoys und Viktor Rauchenberger in einem Standgerichtsprozesse zum Tode verurteilt und noch am selben Tag im Hof des Gerichts am Würgegalgen gehängt. In St. Pölten fanden zudem die größten Kampfhandlungen auf niederösterreichischen Gebiet statt.
Nach einleitenden Worten der Gastgeber präsentierte Dr. Florian Wenninger, Mitarbeiter die nun vorliegenden Ergebnisse des von Univ. Prof. Dr. Oliver Rathkolb geleiteten Forschungsprojektes „Repression in Österreich 1933-1938“
Wenninger fasste in seinen Ausführungen die Erkenntnisse für das Bundesland Niederösterreich zusammen. Allein für die Kreisgerichte sind im Zeitraum sind im Zeitraum März 1933 bis März 1938 rund 7000 namentlich erfasste Personen als Angeklagte in politisch motivierten Verfahren festgestellt worden. Nicht enthalten sind in diesen Zahlen Verfahren der Bezirksgerichte oder die Verhängung von Polizeistrafen, da diese Akten im Laufe der Jahrzehnte zum Großteil der Skartierung (Akten-Vernichtung) zum Opfer gefallen sind. Diese ungeheure Zahl von Verfahren zeigt auf, wie umfassend die politische Repression im Austrofaschismus war und wie willfährig die Justiz das Unrechts-System dabei unterstützte.
Ein weiteres interessantes Ergebnis der Forschungen ist jenes, dass der Ständestaat gegen alle seine politischen Gegner gleichermaßen vorging. so halten sich die Anzahl Angeklagter Sozialdemokraten und Kommunisten auf der einen und Angeklagter Nationalsozialisten auf der anderen Seite fasst die Waage.
Der nahezu vollständig besetzte Saal zeugt davon, wie stark auch nach 85 Jahren das Interesse an den dunklen Jahren des Austrofaschismus vorhanden ist.